Prof. Dr. Kristian Reich

PSO Magazin: Als Sie 2006 in einem Interview den Leserinnen und Lesern des PSO Magazins als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats vorgestellt wurden, mussten Sie noch erklären, wieso Sie nach Ihrer
wissenschaftlichen Ausbildung in der Immunologie zur Dermatologie gekommen sind. Das waren in den Augen der meisten Mitglieder zwei völlig unterschiedliche Bereiche.

Professor Reich: Das stimmt. Vor gut zehn Jahren war es noch nicht so bekannt, dass die Psoriasis eine chronische Entzündungskrankheit der Haut ist und dass an dieser äußeren Grenzfläche zum Teil ähnliche immunologische Mechanismen wirken wie beispielsweise an der inneren Grenzfläche, dem Darm. Noch weitere zehn Jahre vorher wussten wir noch so gut wie gar nichts über immunologische Zusammenhänge und hatten sehr wenige Behandlungsmöglichkeiten. In den letzten 20 Jahren hat sich das Wissen um die Psoriasis und die Entwicklung von Therapien komplett revolutioniert.

PSO Magazin: Sie haben sich damals sehr dafür eingesetzt, dass diese immunologischen Mechanismen erforscht werden und dass sie unter Ärzten und Patienten bekannt werden.

Professor Reich: Als ich meine berufliche Laufbahn begann, habe ich vor allem immunologische Forschung betrieben. Die Dermatologie war damals immer noch im Wesentlichen beschreibend, ich fand es erschreckend, wie wenig über die Ursachen der vielfältigen Entzündungskrankheiten bekannt war. Meine Hoffnung war, daran mitzuarbeiten und durch genetische und funktionelle Untersuchungen die Mechanismen
hinter den Erkrankungen besser verstehen zu können.

PSO Magazin: Sie sind dann aber doch noch in die klinische Dermatologie gewechselt.

Professor Reich: In dem Maße wie Erkenntnisse zu Krankheitsursachen zunahmen, wuchs auch der Wunsch, dieses Wissen für die Entwicklung neuer Therapieansätze zu nutzen. Die ersten auf Antikörpern und Botenstoffen beruhenden Behandlungen führte ich bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen durch. Es wurde schnell klar, dass hier große Chancen auch für die Behandlung chronischer Hautentzündungen bestanden. Mich hat dabei fasziniert, dass diese Erkrankungen und die therapeutischen Erfolge unmittelbar für den Arzt und vor allen den Patienten sichtbar werden.

PSO Magazin: Die Medikamente, die auf diesem Wissen um immunologische Vorgänge beruhen, sind die Biologika. Sie setzen dort an, wo Entzündungszellen miteinander kommunizieren und wo Botenstoffe ausgeschüttet werden. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren sehr viele Studien zu Biologika durchgeführtund dafür sogar ein spezielles Studienzentrum gegründet, das SCIderm Forschungsinstitut in Hamburg. Außerdem reisen Sie viel durch die Welt und halten Vorträge und referieren auf Fortbildungen. Gibt es immer noch viel Aufklärungsbedarf über diese Vorgänge und die Einsatzmöglichkeiten von Biologika unter Ärzten und Patienten?

Professor Reich: Das Forschungszentrum hat uns ermöglicht, gezielt neue Therapien für die Schuppenflechte aber auch für andere Hauterkrankungen zu entwickeln. Das Hauptproblem der Versorgung ist heute
aber ein ganz anderes. Ich nehme die Schuppenflechte als Beispiel: Wir haben ein gutes Verständnis der Krankheitsmechanismen und auch der vielen Facetten der Psoriasis einschließlich der Begleiterkrankungen.
Wir haben für kaum eine andere chronische Entzündungskrankheit so viele gute und sichere Therapien entwickelt, so dass eigentlich jeder betroffene Patient gut behandelt werden könnte. Das ist aber nicht der Fall. So erhalten zum Beispiel nur etwa 20 Prozent der Patienten mit Schuppenflechte, denen eine Behandlung mit Biologika zusteht, diese Therapie tatsächlich auch. Das Problem heute ist also: Wie verbessern wir die Versorgung dort, wo die Patienten behandelt werden. Und ich glaube daran, dass gut gemachte Fortbildung dazu einen wichtigen Beitrag liefern kann.

PSO Magazin: Woran liegt diese ungenügende Umsetzung in der Praxis Ihrer Meinung nach?

Professor Reich: Das liegt zumindest auch an den ungünstigen Rahmenbedingungen. Die Vergütung der Behandlung von Kassenpatienten mit einer chronischentzündlichen Hauterkrankung ist sehr schlecht. Der niedergelassene Dermatologe bekommt in Hamburg im Regelfall etwa 15 Euro pro Quartal, egal wie oft er den Patienten sieht und wie lange Patientengespräche dauern. Dazu kommt die besondere Situation in Deutschland, dass Ärzte, die teure Therapien verschreiben, in ein Prüfungsverfahren kommen können, an dessen Ende theoretisch die persönliche Haftung für Arzneimittelkosten steht. Mir ist zwar kein Fall bekannt, in dem Hautärzte zur Erstattung der Kosten für Biologika bei Psoriasis verdonnert worden sind, aber das Szenario aus schlechter Vergütung und möglicherweise bedrohlichen Folgen ist grotesk und kaum dazu angetan, Hautärzte zu einer optimalen Versorgung zu motivieren.

PSO Magazin: Haben Sie eine Idee, wie wir das lösen können?

Professor Reich: Wir müssen auch zu einer anderen Verteilung der Mittel kommen. Kaum ein Land in Europa hat so hohe Arzneimittelpreise wie Deutschland und eine so geringe Vergütung für die Versorgung ambulanter Patienten mit chronischen Hautentzündungen. Die Preise für bei der Psoriasis eingesetzte Biologika beispielsweise liegen hierzulande 20 Prozent, zum Teil 50 Prozent, über den Preisen in europäischen Ländern mit ähnlicher Wirtschaftskraft wie Deutschland, die Vergütung für die Behandlung beträgt aber teilweise nur 10 Prozent der entsprechenden Vergütung. Ein interessanter Ansatzpunkt für eine grundlegende Diskussion.

PSO Magazin: Meinen Sie, dass die Pharmafirmen mitspielen und die Preise für diese Medikamente in Deutschland senken würden?

Professor Reich: Es geht nicht nur um die Pharmaindustrie, sondern um eine Lösung mit allen Beteiligten im Gesundheitswesen, gelenkt durch die Politik. Wir haben komplexe chronische Erkrankungen, deren Behandlung ein großes Wissen erfordert und eine große Verantwortung bei der Auswahl der zum Teil teuren Arzneimittel. Wenn wir keinen Weg finden, dass Rahmenbedingungen entstehen, die den Ärzten eine vernünftige Durchführung der Betreuung dieser Patienten ermöglicht, werden wir immer mehr tolle Medikamente haben, aber immer weniger Ärzte, die diese auch einsetzen. Für viele Patienten mit chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen, ich nenne einmal Psoriasis, Urtikaria, atopische Dermatitis und Hidradenitis suppurativa (Akne inversa) als Beispiele, ist doch schon jetzt das große Problem, einen Arzt zu finden, der sich mit der Erkrankung und den zur Verfügung stehenden Therapien auskennt und diese auch verschreibt.

PSO Magazin: Wo werden Sie Ihre Schwerpunkte zukünftig setzen?

Professor Reich: Wir werden im nächsten Jahr in Hamburg ein Zentrum mit Schwerpunkt entzündliche Hautkrankheiten eröffnen, das Skinflammation heißen wird. Darin stecken die englischen Worte für Haut (skin) und Entzündung (inflammation). Ein Schwerpunkt wird die klinische Forschung sein, aber auch die Grundlagenforschung begleitet durch eine neu gegründete Schwerpunktprofessur am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Vor allem aber sollen in einem interdisziplinären Umfeld mit anderen Fachrichtungen Patienten mit entzündlichen Hauterkrankungen bestmöglich versorgt werden. Kassenpatienten sind willkommen.

PSO Magazin: Da haben Sie ja einiges vor.

Professor Reich: Ja, und ich freue mich darauf, die Dinge zu tun, die mir wichtig sind: Patienten zu behandeln und Forschung zu betreiben. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen, in der Gesundheitspolitik etwas zu bewegen. Dafür lohnt sich das Engagement im Deutschen Psoriasis Bund. Das passt alles gut zusammen.

Interview entnommen aus PSO Magazin 6-2018